Michel Friedman zu Gast in Traisa
Christel Seger konnte es selbst kaum glauben: „Er ist tatsächlich da“, sagte sie begeistert bei ihrer Begrüßung am 25. September in der voll besetzten Traisaer Kirche. Sie hatte das Buch „Mensch!“ von Michel Friedman gelesen, das sie tief bewegt und das sie vielfach verschenkt habe. Es habe sie aufgerüttelt und damit konfrontiert, ob sie als Kriegsenkelkind die Demokratie vielleicht für zu selbstverständlich gehalten habe. Schließlich habe sie es gewagt, den Autor für eine Lesung anzufragen. Und er hat tatsächlich zugesagt.
So lud der Förderverein Traisa lebt! zur Lesung mit Michel Friedman ein, organisierte das Anmeldeverfahren mit den dazugehörigen Sicherheitsmaßnahmen. Denn der berühmte jüdische Jurist, Publizist und Philosoph aus Frankfurt kann nur mit Personenschutz in der Öffentlichkeit auftreten.
In der abgedunkelten Kirche las Friedmann in stimmungsvoller Atmosphäre im Sessel am Tisch mit Leselampe zunächst aus seinem aktuellen Buch „Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“. Er schweifte dabei immer wieder vom Text ab und redete frei. Der Siebzigjährige bekannte gleich zu Beginn, dass er ein „Verzweifelter“ sei, weil die Deutschen offenbar nicht aus der Geschichte lernten. „Ich habe mich auf Sie verlassen“, so seine Anklage an die „neoliberale Gesellschaft“ und ihre „Bequemlichkeit“.
Friedman zeigte sich einmal mehr als leidenschaftlicher Verteidiger der Demokratie und forderte auf, nicht zu schweigen, sondern für sie zu streiten, dies sei der „Sauerstoff der Demokratie“. „Wählt demokratisch!“ rief er auf, ihm sei die „schlechteste Demokratie lieber als die beste Diktatur“. Die Demokratie sei die beste aller Staatsformen, die aber verwundbar sei. Als „Handelsvertreter des Grundgesetzes“ bezeichnete er sich, der die Menschen und die Vielfalt liebt. Antisemitismus sei das „Thermometer für den Zustand der Demokratie“, so der Sohn von Holocaust-Überlebenden. Michel Friedman mahnte, dass „jeder heute in seiner kleinen Welt etwas tun kann“, wenn Millionen etwas tun, sei es „eine andere Welt“. Er selbst war 15 Jahre lang Stadtverordneter der CDU (aus der er 2025 austrat) in Frankfurt.
Im zweiten Teil stellte Andreas Klein, früherer Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Traisa, dem engagierten Gast Fragen, etwa, wie dieser die Dringlichkeit der Bedrohung durch den Rechtsextremismus einschätze. Michel Friedman mahnte, jetzt aktiv zu werden. Auch wenn die AfD 51 Prozent stark würde, habe das Volk ein Widerstandsrecht, das mit der Ewigkeitsklausel im Grundgesetz verbürgt sei.
Bei den Fragen aus dem Publikum ging es vor allem um die AfD. Auf die Frage nach einem Verbotsverfahren sagte Friedman, es sei „höchste Zeit, dieses Instrument in Gang zu setzen“. Die AfD wolle einen Systemwechsel und die Demokratie zerstören, sie wolle die Schulpflicht und die Pressefreiheit abschaffen, wolle relativieren, was im Nationalsozialismus passiert sei. Friedman kritisierte auch, dass Rechtsextreme die digitalen Medien benutzten, um gerade unter jungen Menschen Lügen zu verbreiten.
Es war ein bewegender, aufrüttelnder Abend. Anschließend signierte Michel Friedman noch am Büchertisch der Buchhandlung Bücher-Blitz aus Ober-Ramstadt. Der Förderverein bot Getränke und Brezeln an.